Julia Mauracher. Powered by Blogger.

Happy Birthday: das erste Jahr ist geschafft.


Das erste Jahr ist immer am schwierigsten


Diese Worte habe ich sehr oft gehört.
Nicht nur in der Trauer, sondern auch nach einem schweren Schock und Unfall sind vor allem die ersten zwölf Monate bis zum ersten Jahrestag die härtesten, schwierigsten und herausfordernsten.
Die klassischen Phasen der Trauer kennt bestimmt jeder von euch, ich habe diese Phasen über das erste Jahr hinweg ebenfalls mitgemacht. Ein ständiges Auf und Ab, nie fühlte ich mich wirklich stabil oder ausgeruht. Und doch gingen diese ersten 365 Tage rum wie nichts.
Anfangs habe ich noch mitgezählt.
Meilenstein Eins nach 40 Tagen: meine ersten Schritte.
Nach 76 Tagen wurde ich endgültig entlassen und durfte nach Hause.
Der dritte Meilenstein erfolgte nach 138 Tagen: mein erster Arbeitstag nach dem Krankenstand.
Danach habe ich die Monate gezählt, erst die runde Fünf, dann das erste halbe Jahr, die zweite runde Zehn.
Und danach habe ich nur noch die Tage rückwärts gezählt. T-50. T-10.
Zahlen waren unglaublich wichtig in diesem Jahr und so ist auch dieser erste zweite Geburtstag unglaublich wichtig für mich.

In meinem heutigen Jahresrückblick möchte ich gerne über drei Dinge sprechen:
über Nachkriegszeit, über Niki Lauda und über Probleme einer jungen Frau Mitte Zwanzig.






Das Leben nach der Klinik: ein Jahr Nachkriegszeit

Ein bisschen hat es sich wie Nachkriegszeit angefühlt.
Die Gefahr ist vorbei, die Asche legt sich, der Alltag kommt zurück und man wagt es wieder, zu träumen.
Man steht vor einem riesigen Trümmerhaufen und fragt sich im ersten Moment: "Wo soll ich überhaupt anfangen?"
Unser Gesundheitssystem übernimmt diese Frage nach einem Arbeitsunfall: erstmal wieder auf die Beine kommen. Und dann so bald wie möglich zurück an den Schreibtisch.
Man bekommt Pläne, Aufgaben, Arzttermine, Prognosen und Gutachten vorgeschrieben und befolgt den Plan.
Zwei Monate lang war jeder Tag gut durchgeplant, irgendjemand wusste immer Bescheid darüber, wo ich grade war, was ich gerade tat und wie weit die Knochenheilung fortgeschritten war.
Das waren die ersten Wochen "nach dem Krieg". Man weiß, was zu tun ist.
Man tut das Offensichtliche, nämlich aufräumen. Die Wunden nähen. Sich bei den Helfern bedanken.
Der Trümmerhaufen wird zwar kleiner, aber in immer kleinere Schritten. Irgendwann, wenn der Alltag immer weiter zurückkommt und die gröbsten Trümmer weggeräumt sind, hält man plötzlich inne und denkt sich:
"Warum eigentlich?"
Es war selbstverständlich, den Trümmerhaufen aufzuräumen, aber je mehr man daran arbeitet, desto lauter wird die Stimme, die Antworten auf die Frage haben möchte, warum es überhaupt einen Trümmerhaufen gibt.

Etwa zu dieser Zeit hat meine PTBS eingesetzt - meine posttraumatische Belastungsstörung.
Alleine sein wurde zum Problem, ebenso der Weg und der Aufenthalt im Büro. Krankenwagen-Sirenen brachten mich zum Weinen, die Nächte waren kurz und die Stimmung schlecht.
Die schlimmste Stunde meines Lebens spielte sich immer und immer wieder vor meinen Augen ab, raubte mir den Atem und machte mich einfach nur unendlich traurig.
Es war harte Arbeit, aus diesem Tief zu kommen. 
Niemand konnte mir Antworten geben, das musste ich alleine übernehmen.
Zu akzeptieren, dass Dinge wie ein Krieg, Unfall oder eine Krankheit nun mal passieren, ist eine schwierige Aufgabe.

Über den Sommer wurde es zunächst besser. Die Wärme tat den Knochen(brüchen) gut, die Sonne meiner Laune. Wir zogen in eine tolle neue Wohnung und ich konnte den ersten Punkt meiner "Bucket List" abhaken, die ich wenige Tage nach meiner Nahtoderfahrung aufgeschrieben habe: eine Reise zum indischen Ozean, auf die wunderschönen Inseln der Seychellen.
Das Grundgerüst stand wieder, nicht so stabil wie davor, aber funktionsfähig. Es wurde Zeit, neue Pläne zu machen und sich mit der Zukunft zu konfrontieren.
Im April 2017 konnte ich nicht mal Schokolade klein hacken, im Oktober startete ich einen Intensivkurs für Konditoren. Brandteig habe ich bereits im Mai wieder alleine geschlagen.
Mit dem Herbst und vielen neuen Aufgaben kam aber auch die Angst wieder zurück.

Selbst Jahre nach dem Krieg sieht man einer Stadt die Bombeneinschläge an. Häuser, Parks und Straßen erstrahlen in neuem Glanz, aber wenn man genau hinsieht, entdeckt man die Risse im Gemäuer, die Krater in der Landschaft, man sieht wie die Menschen beim Klang einer Sirene zusammenzucken.
So war das auch bei mir. Man kann vieles wieder aufbauen, aber eben nicht mehr alles.
Wie aber auch bei einer Stadt diese Zeichen des Krieges oft zu Denkmälern und Attraktionen werden, haben mich meine Risse, Krater und kleinen Schreckmomente zu einem Menschen mit ein wenig mehr Geschichte gemacht.
Die Nachkriegszeit ist eine sehr produktive, aber auch sehr anstrengende Zeit.




Wie Niki Lauda mich zum Weinen brachte


Ich bin kein Motorsport-Fan,habe wenig Ahnung von Österreichs High Society und kenne Niki Lauda vor allem wegen seiner Fluglinie, die mich vor acht Jahren zur Maturareise nach Mallorca flog.
Vor zwei Jahren habe ich den Film "Rush" gesehen - wegen Daniel Brühl. Und weil Amazon Prime mir den Film vorgeschlagen hat.
Ich war unfassbar berührt von diesem Film und finde ihn wirklich gut gemacht. Schon damals hat mich Niki Laudas Geschichte bewegt und seitdem steht der Film auf der Liste mit Filmen, die ich meinem Freund Philipp unbedingt zeigen möchte.

Erst vor ein paar Wochen haben wir es wirklich geschafft.
Natürlich habe ich den Film dieses Mal mit ganz, ganz anderen Augen gesehen.
Vieles hatte ich vergessen, vieles verstand ich diesmal besser.
Als mir klar wurde, dass Niki Lauda 42 Tage nach seinem Unfall wieder in ein Auto stieg um ein Rennen zu fahren, musste ich weinen.
Aus Respekt, aus Überraschung und aus Verzweiflung.
Wie um alles in der Welt hat dieser Mann das geschafft? - Nicht nur physisch, denn natürlich haben seine Verletzungen ihn anders beeinflusst als meine Verletzungen mich. 42 Tage nach meinem Unfall bin ich grade mal zehn Meter gradeaus gegangen.
Aber was mich am meisten überraschte, war die psychische Stärke dieses Mannes.
Ich weiß, was in so einem Kopf abgeht, wenn man die Grauen eines Unfalles bei vollem Bewusstsein wahrnimmt. Ich weiß, wie viel Angst man vor dem "Gefährt" hat, welches die Wunden und Schmerzen verursacht hat. Ich weiß, welche absurde Gedanken man hat, es könne jederzeit wieder passieren.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Niki Lauda all das auch er- und durchlebt hat.
Aber er hat es geschafft, drüber zu stehen und Herr seiner Gefühle zu sein.
Das habe ich (noch) nicht geschafft. Ich bin noch nicht wieder Fahrrad in München gefahren, war nicht am Unfallort und meide den Straßenverkehr bei Dunkelheit.
Zwischen mir und Niki Lauda und auch zwischen unseren Unfällen gibt es natürlich Unterschiede, aber die Basis bleibt gleich: wir wurden beide in sehr jungen Jahren mit der Endlichkeit des Lebens, den Grenzen unseres Körpers und der Bedrohung, Träume zerplatzen lassen zu müssen, konfrontiert.
Ich habe allergrößten Respekt vor Niki Lauda - dass er nicht nur 42 Tage danach, sondern auch nach diesem ersten Rennen noch viele Male in sein Auto gestiegen ist.
Obwohl ich Motorsport ziemlich doof finde, sehe ich diesen Mann als eine große Inspiration und als Beispiel dafür, wie stark der Mensch sein kann, wenn er nur die richtigen Gründe dafür hat.



Der erste Tag im neuen Leben lässt alte Sorgen klein aussehen


So oder so ähnlich lautet ein Spruch, den ich vor ein paar Monaten auf Nadine's Instagram-Account gelesen habe.
Er könnte nicht passender sein.
Tatsächlich wurde ich in meinem Leben davor von einigen Sorgen geplagt.
Wohin soll die berufliche Karriere gehen?
Wie soll ich jemals genug Geld verdienen, um sparen zu können?
Wie soll ich diese zwei Kilo abnehmen, die ich seit einem Jahr mit mir rumtrage?
Ist es noch zu früh, mit meinem Freund in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen? Sind wir bereit dafür? Und wie sollen wir jemals in München eine bezahlbare Wohnung in meiner alten Nachbarschaft finden?
Die Jahre zuvor waren noch viel schlimmer, denn da wurde ich auch noch von bösem Liebeskummer geplagt und suchte vergeblich nach Selbstliebe.
Das Thema mit dem Gewicht war auch immer präsent und damals sogar noch wichtiger, weil ich unbedingt als Schauspielerin Fuß fassen wollte und in meiner Auffassung da das Gewicht leider doch eine große Rolle spielt.

Seit dem 16.12.2016, dem "ersten Tag im neuen Leben" habe ich neue Probleme. Die alten Sorgen haben sich teilweise einfach von selbst gelöst. Vermutlich, weil ich sie losgelassen und mich auf die neuen Probleme konzentriert habe.
Ich habe viele meiner Prioritäten neu sortiert und bin mutiger geworden.
Ich habe endlich für mich erkannt, dass mir die Liebe das allerwichtigste Gut auf der Welt ist und keine Karriere da mithalten kann. Eigentlich wusste ich das schon lange, aber ich habe es nie wirklich zugelassen und dadurch viele Entscheidungen getroffen, die einfach nicht gepasst haben.
Wenn man einmal so ein "Wachrütteln" erlebt hat, dann sieht man tatsächlich vieles anders. Man entscheidet mehr mit dem Bauch und dem Herzen, findet leichter die innere Ruhe und Entspannung, nimmt sich selbst und diese großen Sorgen aus der Vergangenheit nicht mehr so ernst.
Diese Erkenntnisse und Einstellungen lassen mit der Zeit zwar nach, aber manche bleiben, vielleicht auch für immer.




It's always darkest before the dawn


Die vergangenen Wochen waren meinem Gefühl nach mitunter die härtesten des ganzen Jahres.
Kaum zu glauben für jemanden, der alles miterlebt hat und mich damals, ganz am Anfang, gesehen hat.
Aber rückblickend war ich damals in diesem "Wiederaufbau"-Modus, hatte tägliche die Familie an der Seite und musste mich um nichts kümmern als meine körperliche Heilung und psychische Genesung.
Richtig hart wird es dann, wenn man erneut mit dem Geschehen konfrontiert wird, diesmal aber ziemlich auf sich alleine gestellt ist und nicht ausweichen kann.
Mit allen Mitteln und Kräften habe ich versucht, dem Winter und dem Dezember seine "dunkle Seite" zu nehmen, habe mich intensiv mir Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt, Besuchen auf dem Weihnachtsmarkt abgelenkt und alle Energie in meine neue berufliche Herausforderung und den Konditorkurs gesteckt und trotzdem hat mich alles wieder eingeholt.
Alles um mich herum erinnert mich an diese eine Dezemberwoche vor einem Jahr, an das Weihnachten in der Klinik, an die Schmerzen, Ängste und den Schrecken des Unfalls. Nicht selten musste ich mich selbst daran erinnern, dass es in der Vergangenheit liegt und es nicht nochmal passieren wird, nur weil wieder Dezember ist.
Der gesamte medizinische und auch versicherungstechnische Hintergrund ist bei weitem nicht abgeschlossen und belastet mich zusätzlich.

Die vergangene Woche war ich zu alledem auch noch erneut im Klinikum Murnau. Es wurde sämtliches, wenn auch nicht alles an Titan entfernt und ich fühle mich heute tatsächlich um ein paar Gramm leichter. Die Operation war ein großer dunkler Punkt im Kalender und nun ist sie abgehakt. 
Die Zeit in der Klinik war bei weitem nicht so schlimm wie das erste Mal. Ich kannte die Ärzte, Schwestern, Vorgänge und Wege. Ich kannte die Schmerzen nach der OP, die schlaflosen Nächte und das leider etwas fade Essen. Ich konnte damit umgehen und habe mich damit mal wieder selbst überrascht.

Die Gefühlslage der vergangenen Wochen haben meine Ärzte und Therapeuten als "völlig normal" bezeichnet und ausnahmsweise sind wir mal alle einer Meinung.
Der erste Jahrestag wird nicht einfach. Aber danach - danach kommt die Sonne. Ein neues Jahr. Ein neues, unangetastetes Jahr in dem ich endlich wieder selbst entscheiden kann, was passieren wird.

Die Bucket List wird ein weiteres Häkchen bekommen.
Die Frage nach der beruflichen Karriereaussicht definiert sich immer weiter.
So viele tolle Dinge warten schon auf mich. Ich kann es kaum erwarten, in mein zweites Jahr zu starten.

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